Portrait

Als 1958 Geborener spielte sich meine Jugend in einer Zeit ab, die geprägt von Ereignissen war wie:  Woodstock (1969), der ersten Mondlandung (1969), der UNO-Konferenz in Stockholm über die Umwelt des Menschen (1972), dem ersten Bericht des Club of Rom (1973), der Ölkrise (1973), der Verabschiedung der internationalen Menschenrechtscharta durch die UNO-Vollversammlung (1976, 30 Jahre nach Arbeitsbeginn), den RAF-Anschlägen, der Islamischen Revolution im Iran (1978), u.a.m.

Das Wachstumsethos der Nachkriegszeit trieb meinen Vater zu Höchstleistungen an, während meine Mutter das aktuelle Wohlergehen der Familie unentwegt und klar im Fokus hatte.

In der für junge Menschen üblichen Selbstverständlichkeit, in der ich den stetig wachsenden Wohlstand meiner Jugend erlebte, liegt wohl der Grund dafür, dass ich vor allem die Schattenseiten der Wohlstandsmehrung erkannte, was mich auf den Spuren der Hippies 1979 nach Asien, in eine vermeintlich bessere Welt führte. Nach einem Jahr als „Zuschauer“ durch die Welt gezogen, ist in mir das Bedürfnis gereift, die Zuschauerbank zu verlassen und als „Mitgestalter“ in meine eigene Kultur zurückzukehren. Angekommen in der Schweiz arbeitete ich zuerst als Techniker an Robotersteuerungen. Die nächste Etappe bestand aus dem Studium von Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Familiengründung und Erwerbsarbeit gleichzeitig, es folgte die Phase des alleinerziehenden Vaters und Lehrers und in den letzten 20 Jahren meiner Erwerbszeit war ich Teil einer Patchwork Familie und Rektor eines Gymnasiums.

Dieser Blog ist ein Versuch, die Welt wie ich sie während mehr als einem halben Jahrhundert erlebt habe und wie ich sie heute erlebe zu beschreiben, zu hinterfragen und, durchs Schreiben und durch die hoffentlich damit verbundenen Echos, ein klein wenig besser zu verstehen.

Ich wage diesen Versuch nicht, weil mich eine herausragende Schreibfähigkeit auszeichnen würde, oder weil ich in mir eine vermeintlich übergrosse Genialität erkennen könnte. Nein, ich wage diesen Versuch, weil ich zusammen mit vielen anderen beobachte, wie die Natur in galoppierender Geschwindigkeit durch die Menschheit zurückgedrängt, beziehungsweise zerstört wird, wie die regelbasierte Weltordnung und die Demokratie schwächelt und das wortlose Zusehen mir Mühe bereitet. Der Wunsch meine Gedanken in eine schriftliche Form zu bringen, hat sich über die Jahre entwickelt, auch wenn der Fokus sich immer wieder verschoben hat. Mal stand der Schmerz über die Zurückdrängung der Natur im Vordergrund, mal die Empörung über die Diskriminierung von Menschen, mal das Unvermögen der politischen Systeme, mal der Wachstumsdrang der Wirtschaft und mal die Sinnfrage oder die Erkenntnisfähigkeit der Menschheit.

Um nach den obigen Zeilen dem Titel Portrait gerecht zu werden, sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich in den vergangenen 66 Jahren nicht nur Probleme fokussierte, sondern ein sehr glückliches Leben führen durfte. Eine, bzw. zwei wunderbare Familien, wunderbare Freunde, spannende Arbeit und schöne Hobbies bildeten den Rahmen. Ich liebe das Leben und weiss die Freiheit in der ich mein Leben gestalten konnte, zu schätzen.

Dezember 2024, Hans-Ueli Ruchti